Sunday 16. June 2019

Interview mit Sigrid Tschöpe-Scheffler

 

Die MARKE Elternbildung orientiert sich seit ihrer Gründung an den Thesen und Grundsätzen der Erziehung nach Prof. in Dr. in Sigrid Tschöpe-Scheffler, die als eine der wichtigsten Persönlichkeiten der institutionellen Elternbildung gilt.

Im Rahmen eines persönlichen Interviews am 7.3.2016 hat Prof. in Dr. in Sigrid Tschöpe-Scheffler Fragen rund um das Thema „Eltern-Kind-Gruppen“ beantwortet.

Die MARKE Elternbildung orientiert sich seit ihrer Gründung an den Thesen und Grundsätzen der Erziehung nach Prof. in Dr. in Sigrid Tschöpe-Scheffler, die als eine der wichtigsten Persönlichkeiten der institutionellen Elternbildung gilt.

Sigrid Tschöpe-Scheffler ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Köln – Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Lebensberaterin und Autorin zahlreicher Bücher u.a.: „Fünf Säulen der Erziehung. Wege zu einem entwicklungsfördernden Miteinander von

Erwachsenen und Kindern.“

Sie hält derzeit diverse Vorträge und Seminare rund um das Thema „Elternbildung“ in Wien und Graz.

 

Im Rahmen eines persönlichen Interviews am 7.3.2016 hat Prof. in Dr. in Sigrid Tschöpe-Scheffler Fragen rund um das Thema „Eltern-Kind-Gruppen“ beantwortet. Das Gespräch hat Dr.in Karin Schräfl vom Forum Katholischer Erwachsenenbildung in Österreich geführt:

 

 

Viele Eltern suchen ja den Weg in die Eltern-Kind-Gruppe. Was glauben Sie als Expertin, macht die Attraktivität und Qualität solcher Treffen aus? Ist es die Regelmäßigkeit, ist es die Atmosphäre? Wie sehen Sie das?

Zum einen muss ich sagen, ich bin sehr oft in Österreich und habe festgestellt, dass es an vielen Orten Eltern-Kind-Gruppen-Treffen gibt. Das hat ja eine sehr lange Tradition, und ich finde die Art und Weise wie sich die Eltern da informell treffen können, mit ihren Kindern, ausgesprochen gut. Informell ist das eine, weil es informelles Lernen ist. Die Eltern tauschen sich aus, die Kinder spielen miteinander, und gleichzeitig gibt es einen Anstoß, oder gibt es Anstöße für konkrete Gesprächskreise, die meist – und ich würde mehr sehr wünschen, dass das auch der Fall ist – durch die Leiterin wahrgenommen und aufgegriffen werden, aus dem, was sich in der Gruppe entwickelt hat.

Also ganz konkrete Themen, die die Eltern haben. Das finde ich eine gute Chance, in dieser Gruppe dann solche Themen auch anzusprechen. Das ist das Erste.

Das Zweite: Da sich die Frauen und die Kinder über einen längeren Zeitraum kennen, ist das eine sehr gute Atmosphäre, auch mal private Dinge anzusprechen, die schwierig sind; auch mal in dem Gespräch mit der Gruppenleiterin alleine. Die Atmosphäre ist von daher eine sehr vertraute, freundschaftliche Atmosphäre. Das ist wichtig für die Arbeit mit Eltern und Kindern.

Und, was ich wichtig finde, dass dann in diesen Gruppen, ausgebildete Elternbildnerinnen sind, die auch eine Professionalität haben und die wirklich in der Lage sind, zu moderieren. Keine „Rezepte“ zu geben, das eben nicht, das macht die Expertin nicht aus, sondern zu moderieren, aufzugreifen wahrzunehmen, zu begeistern, zu fördern, zu unterstützen. Da denke ich, sind die ElternbildnerInnen sehr gut ausgebildet, gerade auch in den angebotenen Lehrgängen von der MARKE Katholische Elternbildung. Das gefällt mir sehr gut.

 

 

Da sind wir ja jetzt schon ein bisschen bei den Qualifikationen, die Eltern-Kind-Gruppen-LeiterInnen mitbringen sollten. Sie haben eben gemeint, man solle keine „Rezepte“ ausstellen, sondern man soll auf die Eltern eingehen, auf die Kinder eingehen und auch ein bisschen einen Freiraum lassen für das Geschehen innerhalb der Treffen…

Genau. Also eine ganz stark vorstrukturierte Gruppe, ist eher eine Gruppe, in der die Expertin einen Plan hat, sich überlegt, was sie mit den Müttern oder Vätern und mit den Kindern macht. Das hat den Vorteil, dass die Expertin glaubt, alles in der Hand zu haben. So läuft es aber nicht.

Sondern eine Expertin, wie ich sie verstehe, und das ist auch ein wirklicher Fokus in der Ausbildung, nimmt wahr. In erster Linie nimmt sie wahr, beobachtet, hört hin – auch mit dem Herzen, nicht nur mit den Ohren und mit den Augen – um dann herauszufinden, was diese Mütter betrifft, was sie bewegt. Also ist die Wahrnehmungskomponente eine der ersten, die sie gelernt haben muss.

Dann nimmt sie sich auch zurück, weil sie auch davon überzeugt ist, dass Eltern untereinander sich gut mit dem, was sie schon einmal erfahren haben, unterstützen können. Also sie ist nicht die Einzige, die unterstützt, sondern die Eltern untereinander unterstützen sich auch. Und dafür muss es Raum geben, ich spreche von „Leerräumen“ mit zwei „ee“. Natürlich gibt es auch „Lehrräume“ mit „eh“. Das sind dann kleine Sequenzen, wo dann eben auch kleine Impulsreferate stattfinden können, aber dann auch wieder sozusagen eine Anleitung zum gemeinsamen Austausch.

 

Das Ganze hat ja, auch aus meiner eigenen Erfahrung heraus, etwas Rituelles. Es gibt also immer einen vorgegebenen Ablauf. Das ist, glaube ich, etwas, das sowohl die Eltern, aber vor allem auch die Kinder sehr schätzen, weil sie das auch so gewohnt sind. Auch später einmal in Kindergarten und Schule…

Ja, das habe ich noch vergessen. Also diese Rituale, die es gibt, das ist der Wiedererkennungseffekt. Und es ist ja auch oft so, dass die Kinder dann sagen, wenn irgendein Teil des Rituals vergessen wurde: „Da fehlt jetzt aber noch etwas!“. Das ist für Kinder ganz wichtig: dieser Wiedererkennungseffekt. Daran lernen sie, daran reifen sie, und das begeistert Kinder und Eltern.

Die Eltern-Kind-Gruppen-Leiterin hat aber auch eine Modellfunktion. So wie sie mit den Kindern umgeht, da schauen sich manche Mütter oder Väter ab: „Ach so! Ich muss jetzt nicht schreien, ich gehe einfach näher hin und spreche ein bisschen leiser.“

Das ist eine gute Modellfunktion für das, was ich dann zuhause im Familienalltag auch übernehmen könnte.

 

D.h. so ein Treffen hat etwas Prozesshaftes. Die Themen sollten daher auch von der Eltern-Kind-Gruppen-Leiterin noch nicht fest vorgegeben sein sondern entwickeln sich im Rahmen des Treffens…

Sie entwickeln sich, und manchmal ist es auch so, dass es Mütter gibt, die über ein Thema viel mehr erzählen könnten als die Eltern-Kind-Gruppen-Leiterin. Ich stelle mir mal vor, da ist eine Ärztin, die kann etwas über das Impfen sagen, oder es ist eine Ernährungsberaterin da, die etwas über Zufüttern sagt, und es ist eine Künstlerin oder Malerin da, die etwas über das kreative Gestalten sagt in der frühen Kindheit. Also dass man auch die Kompetenzen der Eltern aufgreift, die da sind. Oder eine Mutter aus einer anderen Kultur, die uns erzählt, wie es in der anderen Kultur ist, mit den ersten Lebensjahren. Wie geht man da damit um? Diese Kompetenzen aufzugreifen, das finde ich ganz wichtig: Eltern miteinzubeziehen.

 

Dass auch die Eltern voneinander lernen können…

Ja, das ist mir ganz wichtig.

 

Zum Schluss noch eine Frage mit heutigem Bezug: Internet und neue Medien werden auch im Bereich der Elternbildung immer wichtiger. Sehen Sie das als Chance oder Bedrohung für die „klassische/institutionelle“ Elternbildung, wie die Arbeit in Eltern-Kind-Gruppen? Wird das eine durch das andere aufgehoben, oder wird es immer beides geben? Was glauben Sie?

Also der persönliche Kontakt ist wichtig und den wird es immer geben, weil immer der Dialog, das Gespräch unter vier Augen oder unter mehreren Augen, eine ganz besondere Qualität hat.

Das Internet ist eine sehr, sehr gute Ergänzung, weil die jungen Mütter eine neue Generation sind, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Es ist eine gute Möglichkeit, sich auch anonym einmal einzuschalten, ohne sich gleich mit Haut und Haaren zu verpflichten, in so eine Gruppe zu kommen. Es ist eine gute Möglichkeit, von da aus vielleicht noch einmal Ansprechpartner zu finden, sich zu „outen“ und sich mit demjenigen einen Termin auszumachen.

Aber erst einmal ist es eine vorsichtige Annäherung. Ich würde sogar sagen, niederschwellig für die Leute, die des Computers und des Schreibens mächtig sind. Leute, die das nicht zur Verfügung haben, gibt es in der Generation wenig, aber vielleicht welche, die nicht Deutsch sprechen können oder die nicht Deutsch schreiben können, für die ist es dann wieder nicht niederschwellig. Es sei denn, man würde das vielleicht auch mal im Türkischen oder im Russischen oder in einer anderen Sprache machen, was es ja auch schon gibt. Also ich habe einen „Elternstärken-Test“ entwickelt, der jetzt auf vielen Plattformen in verschiedenen Sprachen erschienen ist, und der sehr stark frequentiert wird. Da habe ich ganz gute Rückmeldungen, und das ist eine gute Möglichkeit, wirklich auch erstmal zu gucken: Worüber reden die denn da überhaupt? Kann ich denn da mitreden? Würde ich mitreden? Betrifft es mich überhaupt? Und dann springt manchmal der Funke über, und es kommt zu persönlichen Kontakten, und wenn nicht, ist es auch gut.

 

Frau Prof. in Tschöpe- Scheffler, herzlichen Dank für das angenehme und informative Gespräch!

 

Zu den Angeboten in den einzelnen Bundesländern kommen Sie HIER.

Seite merken Seite weiterempfehlen Seite drucken
Darstellung:
http://www.elternbildung.or.at/